»Der Klang kalter Papiere«

Stephanie Müller aka Rag*Treasure versteht ihre Werke als bespielbare Nutz- und Angriffsflächen. Es entstehen tragbare Objekte aus organischen Materialien, Textilien oder Papier, die im Zuge von Performances und Interventionen zu Klangapparaten werden.

 

Mit ihrer Performance »Der Klang kalter Papiere« knüpft sie an einen Austausch an, der 2020 in den ersten Monaten der Pandemie stattfand. Mit dem Choreographen Anas Nahleh aus Amman (Jordanien) war sie über das Goethe Institut zu einem Online-Austausch eingeladen. Ziel war es, mit einem Material zu arbeiten, das über die Distanz hinweg zur gemeinsamen künstlerischen Reibungsfläche wird. Die Wahl fiel auf Papier: Akten, die Zugang verschaffen oder verwehren, Privilegien ausstellen oder entziehen, Papiere die jede*r von uns erledigen muss.

 

Einmal jährlich ist die Steuererklärung fällig. In den Augen der Künstlerin legen Steuerdokumente einen fixen Rahmen fest, der nur Platz hat für harte, belegbare Fakten und keine Freiräume für die Poesie des Ungewissen kennt: Dokumente, die das Leben einer Künstler*in auf Zahlen reduzieren.
Genau diese Steuerdokumente hat Stephanie Müller 2020 in kleinste Fetzen zerstückelt und zu neuem Papier verarbeitet. Dabei entstehen leere Blätter, allerdings nicht im strahlendem Weiß. Stattdessen tut sich ein helles Grau auf, das die Geschichte der Dokumente nicht komplett verschleiert, sondern mitschwingen lässt und dennoch offen für Neues ist.

 

Auf Basis dieser handgeschöpften Blätter arbeitet Stephanie Müller seither ein Papierkostüm, das beim Performen zum Klangobjekt wird. Mal tauchen Fragmente davon in Foto- und Videoinszenierungen auf, mal werden die Faltungen wieder zerlegt, um aufs Neue um- und unzuordnen.

 

Im Rahmen ihrer Performance »Der Klang kalter Papiere« macht sie das Papierkostüm aus den recycelten Steuerunterlagen hörbar. Das akustische Spektrum wird um weitere selbstgebaute Instrumente erweitert. Die Videoprojektion versteht sich als Fußnote und öffnet weitere Ebenen.